Blick aus der Zukunft

Solidarische Landwirtschaft

„Mein Name ist Peer Brinkmann“ stellte er sich vor. Er war froh, dass noch Herr Staffens von der GBG und Bastian, ein weiterer Landwirt, ihn flankierten. Sie trugen gemeinsam vor, was manchmal zu unabgesprochenen Einwürfen führte. Das Publikum schmunzelte manchmal, ließ sich davon jedoch nicht weiter stören.

„Vor zehn Jahren haben wir – die Mitglieder der GBG zusammen mit einigen Landwirten – gefragt, welches denn die eigentlichen Ziele und Aufgaben von Landwirtschaft seien.
Wir haben uns auf folgende Antworten geeinigt:
    1. Landwirtschaft soll uns Menschen im Dorf und in der nahen Region ernähren.
    2. Landwirtschaft soll liebevoll mit den Tieren, Pflanzen und Boden umgehen.
    3. Landwirtschaft soll die Vielfalt und Bodengesundheit dauerhaft bewahren und fördern.
    4. Landwirtschaft soll den Landwirten den Lebensunterhalt sichern.
Es geht also um Ernährung, Biodiversität, Lebensunterhalt. Nach unserer Meinung hat der Umgang mit Lebewesen und lebendigen Prozessen auch eine moralische Qualität. Industrielle Produktion in der Landwirtschaft lehnen wir ab. Ihnen fällt vielleicht auf, dass bei diesen Zielen keine Rede von Geld ist. Wir halten Geld für ein wichtiges Mittel für Betriebsabläufe und Lebensunterhalt, aber nicht für ein Ziel an sich. Anders gesagt: Wir streben nicht nach möglichst großem finanziellen Gewinn.
Um unsere Ziele zu erreichen, haben wir überlegt, welche Voraussetzungen dafür geschaffen werden müssen. Wir fanden, dass die Landwirtschaft aus diversen Zwängen des Wettbewerbs und betriebswirtschaftlicher Dynamik erlöst werden muss.
Die Landwirtschaft ist deshalb bei uns völlig neu verfasst. Sie besteht nicht mehr aus lauter einzelnen Betrieben, die Marktfrüchte anbauen, um sie möglichst gewinnbringend an irgendjemanden zu verkaufen. Fünf Höfe haben sich zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammengeschlossen. Sie werden getragen von 350 Mitgliedern aus Grebin, Plön und der Region, die gemeinsam eine solche Neuausrichtung der Landwirtschaft ermöglichen.Ein Beispiel für solche Kooperation in der Nähe von Kiel sind die Schinkeler Höfe.

Wir haben eine drastische Kostenreduzierung durch kleinere Maschinen und weniger Fremdstoffe realisiert. Der gesamte Posten Agrochemikalien entfällt. Wir streben Synergieeffekte an durch Gemeinschaftseinrichtungen z.B. bei Jungpflanzen, Maschinen, Arbeitskräfte, Winterlager, Kühlung, Bullen und Eber für die natürliche Besamung, sowie Verarbeitung (Bäckerei, Käserei).
Auch die Tiergesundheit ist gut, so dass nur geringe Kosten für tierärztliche Behandlung anfallen. Wir haben robuste Milchkühe, die nicht auf Höchstleistung gezüchtet sind. Der Milchertrag ist zwar geringer, dafür aber Bio. Wir kaufen keine Futtermittel zu, sondern erzeugen sie im Betriebskreislauf. Diese Kühe leben länger, haben also ein bis zwei Melkperioden mehr. Das gleicht etwas von dem Minderertrag aus. Und wenn die Kühe länger leben, brauchen wir weniger Nachzucht.
Der Anteil der Direktvermarktung bzw. Eigenverwendung ist deutlich gestiegen, so dass auch Vermarktungskosten gesunken sind.
Wir können das leisten, weil wir viel mehr Arbeitskräfte einsetzen. Das ist der Haupt-Kostenfaktor. 
Das Geld und geldwerte Leistungen an die Mitarbeiter bleiben im Dorf und stehen der lokalen Wirtschaft zur Verfügung. Geld, das für externe Betriebsmittel ausgegeben wird, verschwindet dagegen irgendwo im Finanz-Nirwana. 
Das ist übrigens ein Gesichtspunkt – wenn Sie mir diesen Exkurs gestatten –, der zu Überlegungen geführt hat, in Grebin und Umkreis eine Regionalwährung einzuführen. Das ist jedoch nicht realisiert worden.“

Wir haben weitgehend auf pfluglose Bearbeitung umgestellt, auf jeden Fall aber auf eher flache Bodenbearbeitung. Deshalb brauchen wir keine besonders hohe Motorleistung der Trecker, sie können kleiner und leichter sein, was dem Boden zugute kommt.
Wir verzichten vollständig auf Agrochemikalien, d.h. auf synthetische Dünger, Pestizide aller Art (Insektizide, Fungizide, Herbizide), Regulatoren usw.. Medikamente brauchen wir nur sehr wenig, vorsorgliche Antibiotika kommen uns nicht in den Stall.
Was die Düngung betrifft, haben wir ein anderes Verständnis. Wir haben nicht den Fokus des Bodenchemikers, der von ‚Nährstoffen’ spricht (also Nitrat, Phosphat, Kali usw.). Wir haben dagegen einen biologischen Ansatz. Uns geht es um hochaktive Lebensgemeinschaften im und über dem Boden. Wir denken in Kreisläufen, wie sie uns die Natur seit Jahrmillionen vormacht. Deshalb sorgen wir für gute Lebensbedingungen der Bodentiere und -organismen durch Gründüngung, (Mist)Kompost, weite Fruchtfolgen, Zwischenfrüchte, Untersaaten, Verarbeitung der Komposttoiletten, Pflanzenkohle, Mulch und vieles mehr. Sie werden das heute Nachmittag bei der Begehung sehen können. Achten Sie dabei besonders auf die Spatenprobe. Sie zeigt, was unter der Bodenoberfläche passiert.
Kleinere Ackergrößen mindern die Effekte von Monokulturen. Die Beikrautregulierung lässt noch genügend andere Pflanzen wachsen, dass sich ein gewisser ‚Mischkultur-Effekt‘ einstellt. Ebenso durch breite Ackerränder, besonders an den Knicks und in Gewässernähe.
Dass dadurch der Flächenertrag sinkt, sehen wir entspannt, solange wir betriebswirtschaftlich überleben. Unser Ziel ist, wie gesagt, nicht ein maximaler finanzieller Gewinn, sondern die lokale Versorgung der Menschen, ökologische Pflege der uns anvertrauten Lebenszusammenhänge und eine schöne Landschaft.
Eine kleine Überlegung ist in diesem Zusammenhang interessant:
Die durchschnittliche Ackerfläche pro Kopf in Deutschland beträgt 0,144 ha. Damit müsste eine Landwirtschaft auskommen, wenn sie die eigene Bevölkerung vollständig ernähren will. Für die Grebiner Bevölkerung wären das also 142 ha, rund 12% der verfügbaren Ackerfläche. Das ist locker möglich, wir müssen nicht das Letzte aus dem Acker rausholen.
So sind auch mehr ökologische Vernetzungen und sogar erste Agroforst-Systeme in Treufeld hinzugekommen.
Der Anfang war sehr schwer. Inzwischen jedoch gibt es Erfolge. Besonders freut uns, dass der Humusgehalt durchschnittlich um 0,8% angestiegen ist. Das bedeutet eine enorme Menge an dauerhaft gebundenem CO2. Außerdem ist durch den Verzicht auf chemische Dünger, Pestizide und Großmaschinen, sowie die Verkleinerung des Viehbestandes eine weitere signifikante Menge an Treibhausgasen vermieden worden. Der CO2-Fußabdruck unserer Mitglieder hat sich erfreulich verbessert!

Da unser Ziel eine möglichst breite Versorgung der Menschen in unserer Region ist, haben wir eine große Diversifizierung: Wir bauen Getreide (auch Dinkel usw.), Kartoffeln, Feldgemüse, Feingemüse und Obst an.
Das Getreide wird zu Brot, Backwaren und andere Getreideprodukte verarbeitet.
Es gibt weniger Rinder und Pferde und entsprechend weniger Futterbau, besonders weniger Mais. Dennoch haben wir sowohl Milcherzeugung und eigene Milchprodukte, als auch Fleisch von Rindern und Schweinen mit vorwiegend Weidehaltung, dazu auch Geflügel mit Wandergehegen.
Eine Besonderheit ist die Saatgutvermehrung.
Diversifizierung auch in zeitlicher Hinsicht: wir versuchen, möglichst rund ums Jahr ausreichend anbieten zu können. Deshalb wurden dauerhaft kühle Lagermöglichkeiten geschaffen mit Lehmputz zum Feuchtigkeitsausgleich. Für verarbeitete Frischprodukte gibt es sogar eine gemeinschaftlich genutzte Tiefkühlung.

Ein großer Teil der Produkte bleibt in der Gemeinde.
Der Dorfladen wird beliefert, das Getreide für Bäckerei, auch das Restaurant versorgt sich bei uns. Ziel ist eine möglichst weite Selbstversorgung. Da die Gemeinde recht weitläufig ist und die Entfernung zum Dorfladen groß, gibt es einen Lieferservice in die Außenbereiche.
Grundlage ist die Solidarische Landwirtschaft (Solawi).
Ein großer Teil der Produkte wird an Teilnehmer in Plön und Malente gebracht. Wir haben uns auch von den Konzepten der Regionalwert AG anregen lassen. Auf deren Website heißt es:
Wir investieren ihr Geld in Gesellschafterkapital, Boden, Gebäude und Einrichtungen von Regionalwert-Partnerbetrieben entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Damit erhält unser Partnerverbund aus Bauernhöfen, Lebensmittelhandwerkern und -händlern, Gastronomen wie Dienstleistern eine Finanzierung.

Fragen

„Ist es nicht ein Rückschritt und ineffizient, dass Sie so viele Mitarbeiter benötigen?“
Nein. Wir benötigen gar nicht so viel mehr Mitarbeiter als die übliche Landwirtschaft, allerdings sieht man sie bei uns auf dem Hof und den Feldern, während sie sonst in „Zuliefererbetriebe“ ausgelagert und unsichtbar sind. Bedenken Sie, wieviel Fremdleistung andere Höfe in Anspruch nehmen. Da sind die Maschinenbauer und -händler einschließlich der Reparaturen und Wartung (und deren Zulieferer), die Mineralölwirtschaft in allen Facetten, die agrochemische Industrie, Saatzuchtlabore, internationaler Handel, verarbeitende Betriebe, Kontrolle und Betriebsdokumentation, Verkehrsinfrastruktur für die immer größer werdenden Betriebe und überregionale Transporte, Veterinärwesen, berufsständische Verbände, Ausbildung und Forschung, usw.. Die tatsächlich für landwirtschaftliche Zwecke aufgewendete Arbeitskraft macht ein Mehrfaches von der Mitarbeiterzahl aus. Vieles davon entfällt bei uns, weil wir kleine Kreisläufe haben, weil wir auf viele Inputs verzichten und weil wir für die Menschen hier vor Ort produzieren. Man kann auch froh sein, dass zusätzliche „Arbeitsplätze“ im Dorf entstanden sind. Was die Effizienz betrifft: Es kommt darauf an, was Sie darunter verstehen. Wenn Sie z.B. Ertrag pro Arbeitskraft meinen (also rein betriebswirtschaftliche Gesichtspunkte), haben Sie recht. Wenn es um Ertrag pro Fremd-Input oder ökologische Artenzahl pro Betrieb geht (d.h. ökologische und soziale Nachhaltigkeit), haben wir die Nase vorn. Gewinnmaximierung ist bei uns, wie schon gesagt, kein vorrangiges Ziel.
„Haben Sie nicht viel höhere Preise?“
Kommt auf die Perspektive an. Bei uns gibt es oft gar keine Preise, weil die Mitglieder anteilig die Produktionskosten übernehmen. Ihnen gehört dann die Ernte, sie kaufen sie also nicht. Produkte, die nach außen verkauft werden, haben tatsächlich einen höheren Preis. Preisbildung ist eine kritische Sache, und ein niedriger Preis ist nicht automatisch „gut“. Wenn ich etwas kaufe und einen Preis bezahle, dann muss das jemand anderes auf eigene Verantwortung und Risiko bereits produziert haben. Ich jedenfalls trage keine Verantwortung und Risiko. Unsere Mitglieder dagegen beteiligen sich an den Produktionskosten und verteilen und minimieren das Risiko. Man kann bei uns nicht ein Produkt getrennt von anderen Dingen kaufen, es gehören immer pflegerische, ganzheitliche und soziale Aspekte dazu. Die Mitglieder erhalten ja nicht nur die Lebensmittel, sondern sorgen auch für die ökologische Bewirtschaftung, den Humusaufbau, die Biodiversität und für einen Beitrag zum Klimaschutz. Das ist nicht zu trennen und separat auszupreisen. Umgekehrt enthalten normale Preise keine „externen Kosten“. Das sind gewissermaßen Kollateralschäden wie Treibhausgasemissionen, ökologische Zerstörung, Landvertreibungen in Südamerika, Kinderarbeit, Biodiversitätsverluste, Störungen des Wasserhaushaltes, Kontaminationen und vieles mehr. Diese Kosten müssen andere tragen und erscheinen nicht in den Preisen. Im übrigen fordern viele Landwirte zu Recht seit langem höhere Erzeugerpreise, weil sie sonst eben zu unerwünschten Bewirtschaftungsmethoden gezwungen sind.
„Sie haben vorhin von einer moralischen Qualität gesprochen. Was meinen Sie damit?“
Wir erkennen an, dass Lebewesen einen Eigenwert besitzen. Sie sind keine beliebigen Objekte, mit denen man tun und lassen könnte, was man will. Das bezieht sich nicht nur auf unsere Nutztiere und Kulturpflanzen, sondern vor allem auch auf „wilde“ Tiere und Pflanzen. Das komplexe Bodenleben mit unzähligen Pilzen und Mikroorganismen gehört ebenfalls dazu. Ein geläufiger Begriff ist die „landwirtschaftliche Fläche“. Sie ist Grundlage für Ertragsberechnungen, Pachten, Subventionen und vieles mehr. Sie ist gemeinhin Standort der Produktion. Was sich auf dieser Fläche abspielt, steht in alleiniger Verantwortung des Landwirtes, sie gehört ihm gewissermaßen. Wirklich? Es handelt sich ja gar nicht um eine geometrische „Fläche“, sondern um einen Raum. Genauer: um viele Räume, die sich gegenseitig durchdringen. Wasser und Luft kommen von außen in diesen Raum und verlassen ihn wieder. Das gilt auch für die darin transportierten Stoffe. „Gehören“ dem Landwirt Wasser und Luft? Gehören ihm die Bodentiere? Gehören ihm die Tier- und Pflanzenarten? Gehört ihm die Ästhetik der Landschaft? Gehören ihm die Bienen, die aus der Nachbarschaft kommen und seine Obstbäume bestäuben? Wir meinen: nein. Wir Landwirte fühlen uns vielmehr als Treuhänder für das Leben und seine natürlichen Abläufe, die sich auf unserem Verantwortungsgebiet abspielen, und darüber hinaus verantwortlich für all die Veränderungen, die von diesem Verantwortungsgebiet ausgehen, seien es freigesetzte Stoffe oder Beeinflussung von ökologischen Prozessen. Das sind normalerweise keine betriebswirtschaftlichen Aspekte, haben aber sehr viel mit moralischer Qualität zu tun.

So hätte es gewesen sein können.
Es könnte aber auch ganz anders gewesen sein. Stimmen Sie den Argumenten zu? Fehlen welche? Dann schreiben Sie einen Kommentar!
Siehe: Diskussion

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