Blick aus der Zukunft

Dorfentwicklung

Eine Durchsage ließ das Gemurmel im Saal verstummen: „Wir warten noch wenige Minuten auf das Shuttle aus Schönweide. Ich bitte um Ihr Verständnis. Vielen Dank!“ 
Die meisten waren ja mit dem Fahrrad gekommen, zumal bei diesem Wetter. Doch es gab einige Menschen, die unseren Fahrdienst in Anspruch nahmen. Das ist ein Abkommen mit den Plöner Verkehrsbetrieben, das für bessere Kapazitätsauslastung der e-Bus-Flotte und flexible Mobilität unserer Einwohner sorgt.
Schließlich kehrte Ruhe ein. 

„Guten Morgen, sehr verehrte Anwesende, liebe Mitbürger, Mitglieder und Gäste“ – natürlich fehlten auch hier nicht die erwartbaren und traditionellen Formeln. Doch was er zu sagen hatte, hatte es in sich.
„Wir säßen heute nicht hier zusammen, wenn nicht im Jahr 2022 die Gemeindevertretung von Grebin den heiß diskutierten Dorfentwicklungsplan beschlossen hätte.“
Damals wurde in einer Reihe von Workshops von den Einwohnern formuliert, welche Wünsche und Ziele und welche eigenen Beiträge sie bei der Dorfentwicklung sehen. Solche Workshops gab es vorher schon in vielen anderen Kommunen Deutschlands, es gab genügend Vorbilder1. Und doch ist es ein großer Schritt vom Wissen zur Tat. 
Zum Erfolg führte die professionelle Moderation mit dem „Dorfgespräch“, das im Laufe des Jahres 2021 in allen Teildörfern von Grebin stattfand. "Dorfgespräch" ist ein Format der Moderation bei ein Einwohnerversammlungen.
Es kann dazu beitragen, "schlummernde Schätze" zu heben.
Siehe auch Video (3 Min.) https://vimeo.com/328814949.
Solche Formate und solche Profis sind in der Lage, das latente Potential zu heben, das in den Menschen eines Ortes schlummert. Faszinierend, wie empathisches Zuhören den Raum für ehrliche, unaufgeregte Sachlichkeit eröffnet. Ich erinnere mich noch voll tiefen Respektes und Bewunderung, zu welch konstruktiven, sachlich fundierten und originellen Lösungen die Menschen – also meine Nachbarn! - gelangten. Gemeinsam fanden wir zu der Erkenntnis „Das größte Potential sind die Menschen.“ Sehr viele Einwohner nahmen damals an den Treffen teil und nutzten die neuen und strukturierten Kommunikationsmittel. Am Anfang des Prozesses kamen die erwartbaren Themen wie Tourismusförderung, Straßenausbau, Ladesäule für Elektroauto oder Gemeindefinanzen. Zur Überraschung aller fokussierte sich die Diskussion jedoch recht schnell auf die wichtigen Themen: wie und in welcher Welt wollen wir in zwanzig Jahren leben? Die Verarmung der Lebenswelt, also das Artensterben, die spürbaren Auswirkungen der Klimaerhitzung und vor allem der zerbröselnde gesellschaftliche Zusammenhalt wurden beklagt und thematisiert. Wir kamen immer mehr auf die zugrunde liegenden Werte. Ein Hauch von philosophischer Tiefe kam auf, als die zwei gegensätzlichen Grundhaltungen Konkurrenz versus Kooperation diskutiert wurden. Ellenbogengesellschaft versus Gemeinwohl. An einem Ehrenplatz an der Wand hingen die damals formulierten Ziele. Wir wollen • gute Dorfgemeinschaft • Ressourcen gemeinsam nutzen und verantworten • Artenvielfalt fördern • ökologische Landwirtschaft • Resilienz, Stärke für künftige Herausforderungen • teilweise Selbstversorgung, Nahversorgung, „Arbeitsplätze“ im Dorf • Zusammenarbeit statt individueller Wettbewerb Warum wollen wir das? Weil es • die Lebensqualität erhöht • Sinn stiftet • Zukunftsperspektiven eröffnet • individuelle Fähigkeiten der Menschen fördert und einbindet • Selbstwirksamkeit ist ein tolles Gefühl Was brauchen wir dafür? • loslassen + anfassen • neue soziale Strukturen • Ausdauer • guten Umgang miteinander • Fehlerfreundlichkeit und Fehlerkultur • „genug“, das rechte Maß Damals bei den Dorfgesprächen lernte ich viele Menschen kennen, und zu etlichen entstanden kostbare Beziehungen. „Gelingende Beziehungen“ war denn auch die Quintessenz, Treibstoff und zugleich Fundament für die fulminante Entwicklung im Dorf, die in den Jahren darauf folgte. In größeren Abständen knüpften wir mit Supervisionen an dieses Format an. Als weiteres Ergebnis wurde ein Umwelt- und Klimabeauftragter eingesetzt. Ja und dann war da die Sache mit dem Dorfentwicklungsplan. Im Gespräch war der ja schon drei Jahre vorher, als unser Dorfkrug aus Altersgründen schließen musste und nach Alternativen Ausschau gehalten wurde. Von Gewerbegebiet, IT-Infrastruktur, Tourismus usw. wurde geraunt. Also lauter Sachen, die die Vergangenheit fortsetzen würden. Die Zukunft war wie die Gegenwart, nur irgendwie „besser“ oder mehr. Eine positive, helle Vorstellung von Zukunft, die wir Menschen mit völlig neuen Ideen gestalten könnten, gab es nicht. Schon die Frage „Wie wollen wir leben?“ rief nur ratloses Kopfschütteln hervor. Genau dieser Knoten platzte in einem der letzten Workshops. Wir Teilnehmer hatten so ein Hochgefühl, fast schon Euphorie, weil wir „uns“ gespürt hatten, die Kraft, die aus gemeinschaftlichem Handeln entsteht. Das „Gemeinwesen“ war kein abstraktes Wort mehr, es war real wie eine Familie, zu der es eine wechselseitige Beziehung gibt. Und doch sahen viele keine Brücke von hüben nach drüben. Ein 18jähriger Teilnehmer sagte knapp: „Cool, da mach ich mit!“ Da schlug die Sternstunde des Bürgermeisters. Er schlug vor, die Ergebnisse der Workshops als Grundlage in den Dorfentwicklungsplan einzubauen. Jetzt wurde es ernst. Die Energie und Dynamik, die unverhofft in der Gemeinschaft entstanden waren, trugen diesen – unseren! - Dorfentwicklungsplan ins Ziel. Die Förderanträge wurden viel schneller bewilligt angesichts der proklamierten Eigenleistungen der Bürger. Auch für die Kredite der GLS-Bank war der soziale Konsens entscheidend. Aber dieses Thema kommt ja gleich nach der Pause dran. „Es gibt noch einen weiteren Grund, weshalb wir heute hier zusammen sitzen: Die Dorfgenossenschaft wurde damals gegründet, deren 10-jähriges Jubiläum wir heute feiern. Die Gemeindevertretung hat ja in mancher Hinsicht begrenzte Kompetenzen. Mit einem solchen Partner aus der Zivilgesellschaft waren nun Aktivitäten möglich, die es sonst nicht gewesen wären, z.B. wirtschaftliche Tätigkeiten.“ Es war tatsächlich ein kluger Schachzug, denn damit bekam die Gemeinde einen Counterpart, mit dem sie sich die Bälle zuspielen konnte. Die Dorfgenossenschaft war ein entscheidender Akteur der Dorfentwicklung, die damit einen wichtigen Impuls erhielt. Besonders ein Detail erwies sich im Lauf der Jahre als vorteilhaft, das anfangs noch sehr umstritten war. Die Zweckformulierung der Genossenschaft war bewusst weit gehalten worden. Eine mehr spezifische Zweckbindung wäre zwar griffiger und leichter zu kommunizieren gewesen, sie hätte aber auch massive Einschränkungen bedeutet. Womöglich wären viele Ansätze und Denkmöglichkeiten von vornherein ausgeschlossen worden. Doch unsere Genossenschaft ist wie ein Dach, unter dem sich viele neue Initiativen bilden können. Die organisatorischen, rechtlichen, kommunikativen und weitere Strukturen wurden einmal aufgebaut und konnten dann genutzt werden. So haben wir heute nicht nur eine Bürgerenergiegenossenschaft, wie es andernorts schon viele gibt (z.B. in Preetz), sondern darüber hinaus auch einen Dorfladen, eine Solidarische Landwirtschaft (ähnlich einer Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaft), eine Bäckerei, einige Feucht- und Trockenbiotope, Wohnprojekte und etliches mehr. Und ein Erfolgserlebnis ist das Sprungbrett zum nächsten, denn wenn man einmal merkt, dass man etwas verändern kann, dann macht das Lust auf mehr! Das gilt besonders für die jungen Menschen, die schon so viele wertvolle Beiträge geliefert haben. Ein wichtiges Instrument war die Software-Plattform Consul. Sie ermöglichte den meisten Einwohnern, sich an den Diskussionen, Vorschlägen, Priorisierungen und sogar Abstimmungen zu beteiligen. Mit ihr war die Hemmschwelle niedrig, Spontaneität und Kreativität fanden Raum und die Abläufe wurden enorm beschleunigt. Die Transparenz und vollständige Information der Beteiligten waren kein Problem mehr. Herr Staffens hob die Stimme, die Begeisterung war ihm anzumerken: „Stellen Sie sich vor, wie mächtig ein solches Instrument ist, wenn die Beteiligten es zum Leben erwecken!“ Es hätte auch schief gehen können, wenn nämlich kaum jemand diesen Kanal nutzt und er mangels Interesse austrocknet. Es war eine glückliche Fügung, dass es anders kam. Ein schönes Beispiel dafür, dass unvorhergesehene, nicht planbare Abzweigungen neue Möglichkeiten eröffnen können. Mein früherer Dozent pflegte in solchen Momenten zu sagen: „Wo kämen wir denn hin, wenn jeder nur sagen würde ‚wo kämen wir denn hin…‘ und niemand losginge um zu sehen, wohin wir denn kämen, wenn wir denn gingen?“ Es war auch ein gutes Beispiel dafür, dass eine Technik für sich allein noch nichts garantiert, es kommt darauf an, wie die Menschen damit umgehen. Mit dieser Eigendynamik entstand jedenfalls eine neue Wirklichkeit. Beteiligung bis hin zu gemeinsamen Entscheidungen machte auf einmal Spaß, war sinnstiftend und zielführend. Demokratie war cool! Das merkten auch die Gemeindevertreter und nutzten das gleiche Instrument zur Optimierung und Erleichterung ihrer Arbeit. Ein CDU-Vertreter sagte mir später einmal: „Ich weiß gar nicht, warum wir uns früher die Nächte um die Ohren gehauen haben für so wenig Ergebnis. Jetzt kriegen wir mit weniger Arbeit in kürzerer Zeit ein besseres Ergebnis.“ Eine andere Stimme erinnerte: „Die Geschichte mit dem Funkmast war ja auch ein Weckruf. Die Leute wollten mitreden, mitgestalten und nicht vor vollendete Tatsachen gestellt werden. Mit der Plattform Consul haben wir viel mehr Akzeptanz.“ Es gab noch eine Überraschung: Durch die Beiträge der Einwohner wurde auf einmal deutlich, welche Fähigkeiten und Kompetenzen wir im Dorf haben. Das wusste ich vorher gar nicht. Da gab es Leute, die kaufmännisch rechnen konnten, andere waren juristisch versiert, wieder andere kannten sich in Verwaltungsangelegenheiten aus und hatten wichtige Kontakte. Ferner gab es die vielen handwerklichen und naturkundlichen Fähigkeiten und solche, die Utopien und Konzepte entwarfen oder Planer waren. Und es gab die Leute, die nichts von alledem besaßen (das sagten sie jedenfalls), sie waren aber exzellent darin, Menschen zu verknüpfen, Gespräche und Prozesse zu moderieren und herauszufinden, welche der speziellen Fähigkeiten jetzt gerade weiterhelfen könnten. So kam es auch, dass sich jemand fand, der viel Erfahrung mit Genossenschaften hatte. Ein Kind mit so vielen Paten – das musste doch einfach gut in die Welt kommen! „Liebe Anwesende,“ – der Vortragsredner bog auf seine Zielgerade ein – „das Feuer, das wir damals entzündet hatten, brennt auch heute noch. Wir haben es gepflegt und mit Nahrung versorgt. Und umgekehrt hat es uns die entscheidende Energie gegeben, auf die es für ein wirklich nachhaltiges Leben ankommt!“ In der Warteschlange vor dem Kaffeestand traf ich Torsten und Silke. „Guten Morgen, da seid ihr ja. Ich habe euch vorhin nicht gesehen“ begrüßte ich sie. „Wir haben die Kleine zur Oma gebracht, damit wir dieses Wochenende frei sind“ antwortete Silke. „Wie hat euch der Vortrag gefallen?“ fragte ich. „Sehr gut, auch wenn ich die vielen Details und Namen einfach nicht so schnell aufnehmen kann. Aber die Grundaussagen finde ich gut. Und es gibt ja auch das Handout zum Nachlesen.“ Torsten sprach weiter: „Es ist ja total interessant, wie viel verschiedene Fähigkeiten und Eigenschaften der Einwohner hier versammelt sind. Eigentlich ist das ja eine Selbstverständlichkeit, eine Binsenweisheit, vor allem in der Stadt, wo wir her kommen. Nur würde da niemand etwas ohne Bezahlung machen.“ „Das war bei uns kein Problem. Wenn man an einer Sache beteiligt ist, etwas realisieren will, ist eher die Frage, ob man das kann. Wenn ich im Garten mein Gemüse ziehe und Blumen pflege, frage ich doch nicht nach Geld“ antwortete ich. „In einer Familie werden ja auch Aufgaben verteilt je nach Fähigkeiten. Da gibt es keine Bezahlung. Und auch in unserer Gesellschaft ist es weit verbreitet, dass etwas ohne Bezahlung getan wird.“ „Zum Beispiel damals in der Stillgruppe nach der Geburt von Lena. Überhaupt die ehrenamtlichen Tätigkeiten...“ warf Silke ein. „Ist Schwangerschaft und Gebären nicht auch etwas fundamental Wichtiges? Und doch spricht niemand von Bezahlen.“ Man merkte ihr eine gewisse Empörung an. Torsten ergänzte: „Klar, jeder Schrebergärtner, Heimwerker oder die freiwillige Feuerwehr macht, was er/sie kann und mag, ohne Bezahlung. Und wenn deine Mutter heute nicht auf Lena aufpassen würde, könnten wir nicht hier sein.“ Ich fuhr fort: „Im Grunde haben wir damals den alten Arbeitsbegriff neu gefasst: Arbeit ist viel mehr als Erwerbsarbeit! Auch nicht bezahlte Arbeit gehört dazu und ist oft sogar viel wertvoller als bezahlte – auch wirtschaftlich. Das war kein philosophischer Kraftakt, sondern ging ganz leicht, fast von allein. Vielleicht funktioniert das in einem Dorf besser, wo man sich gegenseitig kennt. Es entsteht leichter eine Beziehung, und die trägt manchmal weiter als Geld.“ Wir stellten die leeren Becher zurück und mischten uns in die Besuchergruppe der Ausstellung. Der Rundgang hatte bereits begonnen.

So hätte es gewesen sein können.
Es könnte aber auch ganz anders gewesen sein. Stimmen Sie den Argumenten zu? Fehlen welche? Dann schreiben Sie einen Kommentar!
Siehe: Diskussion

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