Blick aus der Zukunft

Gemeinschaftshaus

„ … möchte ich Ihnen den Chef der Zimmerei-Firma vorstellen, die den Bau realisiert hat. Er ist zugleich unser direkter Nachbar, denn die Firma hat ihren Sitz dort in dem Gebäude.“ Er wies mit einer ausladenden Armbewegung auf die Halle hinter den Bäumen, die auch die Mosterei beherbergt.
Herr Sch. übernahm das Wort: „Für uns war es damals ein sehr spannendes Projekt. Niemals zuvor hatten wir ein Strohballenhaus gebaut. Diese Technik war damals noch relativ jung und hatte sich erst mühsam gegen schnelle Vorurteile durchsetzen müssen. Inzwischen ist längst erwiesen: Es gibt keine Probleme weder mit Mäusen, noch Schimmel, noch Brandschutz, noch mit mangelnder Stabilität. Im Grunde ist es jedoch nur eine Weiterentwicklung unseres bewährten Holzrahmenbaues.“
Es gibt schon ein Gefühl von Beziehung, wenn das Stroh hier von unseren Grebiner Feldern kommt. Ich kenne den Landwirt, der es geerntet und angeliefert hat.
„Die Vorteile von Stroh sind einfach schlagend“ fuhr Herr Sch. fort. „Es ist kostengünstig, kommt aus der unmittelbaren Region, ist nachwachsend und bindet CO2, im Gegensatz zu Beton, der extrem viel Energie für die Produktion erfordert. Die Dämmwerte von Stroh sind hervorragend, die Lebensdauer wahrscheinlich höher als die von Kunstprodukten. Und sollte es an sein Lebensende kommen, so ist Stroh einfach kompostierbar, es enthält keine giftigen Stoffe, während Mineralwolle oder Schaumstoffe problematischer Sondermüll sind.“
Er erläuterte noch viele technische Details, während ich im Hintergrund mit Torsten über den Zuschnitt des Gebäudes sprach: die Zweiteilung in lichtdurchfluteten Rundsaal, den wir schon einen ganzen Vortrag lang bewundern konnten, und dem funktionalen Trakt, der u.a. unseren Dorfladen beherbergt. Der Grundriss vor uns an der Wand machte das recht deutlich.
Das energetische und ökologische Konzept reichte noch viel weiter als „nur“ Strohdämmung. Die Sanitärinstallationen waren doppelt ausgelegt: eine Leitung für Trinkwasser und eine für Brauchwasser. Tatsächlich ist ja der Löwenanteil unseres Wasserverbrauches nur Brauchwasser, das zwar sauber sein muss, aber nicht Trinkwasserqualität erfordert. Letztere ist eigentlich nur für die Zubereitung von Speisen und Getränken notwendig. Wasser zum Spülen oder Putzen wird ja üblicherweise ohnehin sofort durch chemische Mittel ungenießbar gemacht. Sogar das Wasser der Dusche ist bei Einsatz von Kosmetika nicht mehr trinkbar. Dafür reicht also gefiltertes Regenwasser aus den Tanks und Speichern unter dem Fundament. Die Tanks werden gleichzeitig teilweise als Wärmepuffer genutzt, durch den die Sonnenwärme von unserer Solaranlage gespeichert wird.
„Eine weitere Besonderheit ist die Toilette“ fuhr er fort. „Diese Trockentoilette trennt flüssige und feste Bestandteile, die gesondert behandelt und kompostiert werden können. Der Kompost wird keine dreißig Meter von hier im Schaugarten verwendet. 
Für viele mag das jetzt keine große Neuigkeit mehr sein seit die Bill-Gates-Stiftung die neue Technik vor allem für viele arme Länder populär gemacht hat. Für uns bedeutet das jedenfalls, dass wir hinsichtlich Wasserver- und -entsorgung fast autark geworden sind. Wenn man bedenkt, dass die gesamten Abwässer aus Grebin mit teurem und knappen Trinkwasser über die Höhe nach Malente zum Klärwerk gepumpt werden müssen – welch ein Aufwand!“

Silke hatte sich selbständig und ihren eigenen Rundgang gemacht. 
Auf einer großen Tafel hingen Grußadressen von Organisationen, die mit unserer Dorfgenossenschaft verbunden waren. Darunter waren
    • Verband der Bürgergenossenschaftenzukunftsfähige DörferDörfer im Aufbruchaufbauende LandwirtschaftSolidarische Landwirtschaft (Solawi)
    • NABU
Vor den Fotos des Außengeländes und der fertiggestellten Gebäuden blieb unser Fremdenführer stehen: „Das Dach über dem Rundbau hat mehrfache Funktionen: Eine solch ästhetische Konstruktion ist die pure Augenweide.“ Man spürte seine Begeisterung vibrieren. „Zugleich ist es aber auch eine Insektenweide, sehen Sie nur dieses Detailbild!“ Auf blühendem Schnittlauch, Steinbrech und vielen weiteren Kräutern und Gräsern waren mindestens drei verschiedene Schmetterlingsarten, Wildbienen und (einem Laien wie mir) unbekannte Insekten zu sehen. 
Im Quellennachweis der Fotos las ich „Nabu-Ortsgruppe Grebin“.
„Die großen Fenster nach Süden lassen das Licht herein, das dem Saal seine helle Stimmung gibt, aber eben auch die Galerie beleuchtet, die Sie sicher vorhin im Saal bemerkt haben.“
„Die solarthermischen Elemente haben wir auf das Dach des angrenzenden Gebäudeteils platziert.“ Er zeigte sie auf einem weiteren Foto. „Das sind die Kraftwerke für das warme Wasser, das im Speicher unter dem Fundament vorgehalten wird. Da es mehr ist, als wir selbst benötigen, werden damit auch die Duschen im benachbarten Sportlerheim betrieben.“

„Jetzt bin ich aber doch gespannt, wie die Finanzierung dieses Projektes ist“ meinte Torsten.
Ich kramte in meinen Erinnerungen. „Es gab vier wichtige Säulen der Finanzierung: Staatliche Zuschüsse, Beteiligung der Bürgergenossenschaft, Direktkredite und Bankkredite. Hinzu kamen Spenden und vor allem Sach- und Eigenleistungen der Genossenschafter, die in Summe nicht zu verachten waren.“
Die Bankkredite wurden gegen Bürgschaften gewährt, ein gutes Mittel, um Projekte sozial einzubinden. Viele Privatpersonen übernehmen jeweils eine begrenzte Bürgschaft, die der Bank als Sicherheit gilt. 

Mittagspause! Endlich an der frischen Luft! Bei diesem herrlichen Wetter war es fast zu schade, im Saal zu sitzen.
Bei der Essensausgabe unter dem Zelt trafen wir Silke wieder. Sie hatte schon früher die Sonne gesucht und gefunden. Während wir nur Fotos vom Dach gesehen hatten, hat sie das Gebäude von außen betrachtet. Sie hat auch den kleinen Schaugarten besichtigt, der von der Gruppe der Samengärtner gepflegt wird.
Es gab Kartoffeln, Mischgemüse und Getreidebratlinge, zubereitet vom Koch des Grebiner Kruges. Dazu gab es Apfelschorle aus dem Saft, der zehn Meter weiter aus der Apfelpresse rann. Zutaten: alle von hier, köstlich duftend, bunt wie der Herbst und einfach lecker. Ich musste an Gelegenheiten denken, wo ich direkt auf dem Feld im Lehmofen gebackene Kartoffeln bekam.
„Habt ihr den Dorfladen gesehen?“ fragte Silke und meinte natürlich Torsten. „Das sieht echt gut aus. Sogar Frischwaren gibt es da. Wie machen die das bloß?“ wendete sie sich mir zu.
„Es gibt eine Kooperation mit großen Einzelhändlern in Plön“ sagte ich. „Viele Sachen stammen aber von unseren eigenen Betrieben. Die Backwaren z.B. kommen aus unserer Bäckerei, die wir nachher besichtigen werden. Und die wiederum verarbeitet das Getreide von unseren Landwirten. Das Gemüse kommt vom Hof Brinkmann. Auch Milch, Milchprodukte und Fleischwaren stammen von lokalen Betrieben. Vielleicht habt ihr in den Schmarkwiesen schon mal die Galloway-Rinder gesehen?
Überhaupt ist Kooperation ein durchgängiges Merkmal unserer Genossenschaft und der mit ihr verknüpften Aktivitäten. Auch der Dorfladen gründet darauf.“

So hätte es gewesen sein können.
Es könnte aber auch ganz anders gewesen sein. Stimmen Sie den Argumenten zu? Fehlen welche? Dann schreiben Sie einen Kommentar!
Siehe: Diskussion

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