Blick aus der Zukunft

Feuchtbiotop

Nun kam mein Part dran. Ich hatte schöne Karten und Fotos vorbereitet, die meinen Vortrag illustrieren sollten. Außerdem hatte ich einen NABU-Experten aus dem Dorf an meiner Seite. Es konnte also eigentlich nichts schief gehen. Trotzdem stand ich doch unter einer gewissen Anspannung, die sich glücklicherweise bald legte, als ich mich warm geredet hatte.
„Ich möchte Ihnen heute einen besonderen Biotop vorstellen, ein ökologisches Schmuckstück auf dem Gebiet unserer Gemeinde. Es liegt in einer natürlichen, feuchten Senke im östlichen Gemeindegebiet.
Schon vor langer Zeit wurde sie durch Dräne und Rohrleitungen entwässert, so dass die verbliebenen Feuchtwiesen landwirtschaftlich genutzt werden konnten.
Nach intensiven Gesprächen mit den Landwirten, Jägern, Naturschützern, der Gemeinde und Behörden ist es gelungen, dieses große Areal in ein Schutzgebiet von höchster ökologischer Qualität umzuwidmen.“
Ich führte eine Karte vor: „Das ist die Situation Anfang der 2020er Jahre. Sie sehen einen zentralen Bereich, der unter 34m üNN liegt und vom Relief her ohne Abfluss ist. Nach Südosten zum Wald hin ist es flach bis wellig mit geringen Höhenunterschieden bis zu 36m üNN.
Der Drän (das Entwässerungsrohr) wurde geschlossen und abgedichtet. Im zentralen Bereich wurde eine leichte Vertiefung vorgenommen und mit dem Aushub künftige Inseln erhöht, so dass unterschiedliche Lebensräume entstehen konnten.“
Es folgten weitere Karten.
„Im Laufe von mehreren Jahren staute sich das Wasser bis auf die heutige Höhe von ca. 35,5 - 36m üNN. Damit liegt der Wasserspiegel knapp unter dem vermuteten Stand vor der Entwässerung. Die maximale Wassertiefe beträgt ca. 2,5m.“
„Diese Senke liegt in der Nähe von ähnlichen Biotopen. Damit wurde ein Biotopverbund geschaffen, der den Wert jedes einzelnen Biotops nochmals steigerte.“
„In der Nähe zum Wasser wurde ein öffentlicher Beobachtungspunkt eingerichtet. Zwei weitere, nicht-öffentliche Beobachtungsstände wurden für wissenschaftliche Zwecke angelegt.“

Nun übergab ich das Wort an den NABU-Spezialisten, der mit faszinierenden Fotos und Videos den Werdegang des nun einziehenden Lebens dokumentierte. Recht schnell kamen Allerweltsarten wie Gänse und Enten. Sie waren willkommen, aber insgeheim warteten wir alle doch auf die selten gewordenen Arten. Und schließlich kamen auch sie, darunter der farbenprächtige Eisvogel. Er brütete in einer Böschung am gegenüberliegenden Waldrand, die ins Wasser abfiel. Auch der Seeadler wurde über dem Wasser gesichtet.

Beim Fischbesatz, Schnecken usw. wurde etwas nachgeholfen, weil kein Fließgewässer existierte, durch das eine Besiedlung erfolgen konnte. Lediglich der kleine Waldsee und ein Tümpel konnten Wasserlebewesen beherbergen. Von dort waren natürlich Amphibien schnell eingewandert.
Zuvor jedoch galt das Augenmerk der Vegetation, besonders in den Übergangsbereichen, der neu geschaffenen Röhrichtzone und dem Waldrand. 
Vor der ersten Überstauung wurde tief gemäht und das Mähgut abgefahren, um die Nährstoffe zu verringern. Und auch später wurde versucht, Nährstoffüberschüsse zu entfernen.
„Doch das ist gar nicht so leicht: Wir haben leider immer noch ein Problem mit zu viel Nährstoffen, weil der Eintrag von den nahe gelegenen Feldern zu hoch ist.“
Es gibt viele Fragen, die hier wissenschaftlich untersucht werden. Da ist die Gewässerqualität, die Entwicklungsabfolge der Pflanzen, die Tierbesiedlung und hier besonders solche Tiere, die man nicht so einfach sieht, weil sie zu klein sind oder nachts unterwegs sind oder im Boden und unter Wasser leben.
Ein Doktorand von der Kieler Uni legte die methodischen Grundlagen für eine Langzeitbeobachtung. Er brachte öfter seine Studenten mit. Inzwischen ist die zweite Dissertation in Arbeit und wir haben ein paar Ornithologen als Stammgäste.
In den ersten drei Jahren, als das Projekt begann, gab es viele (auch kontroverse) Diskussionen. Das führte  dazu, dass sich viele Menschen tief in die Materie einarbeiteten und fast schon zu Experten wurden. Damals entstand unsere Nabu-Ortsgruppe, die mit regelmäßigen Veranstaltungen die Aufmerksamkeit im ganzen Landkreis auf sich zog. 
„Besonders beliebt war die öffentliche Wahl des „Fotos des Jahres“, von denen Sie eine Auswahl draußen im Gang an den Wänden sehen können.“ 

Und nun kam er auf die globalen Ausgangsbedingungen zu sprechen.
„Wir freuen uns sehr über das bisher Erreichte. Wir begrüßen jede neue Tier- und Pflanzenart, die wir entdecken können. Und – zugegeben – wir sind auch stolz darauf, dass wir uns in Grebin etwas abkoppeln konnten vom globalen Niedergang der Artenvielfalt. Andererseits machen wir uns keine Illusionen, dass wir hier nur eine klitzekleine Insellösung haben, quasi eine kleine Arche Noah, die ein Refugium für einige Arten bietet und von der aus sie sich wieder ausbreiten könnten, wenn die Bedingungen eines Tages wieder besser werden sollten.“
Könnte, würde, wenn, wäre – Reichlich viele Konjunktive… 
Der aktuelle Befund ist aber:
„Wir befinden uns mitten im sechsten großen Massensterben der Erdgeschichte. Wir Menschen haben es ausgelöst und sind zugleich Zuschauer – und möglicherweise auch Opfer.“
Das war die Moralkeule, aber es musste mal sein. 

Klinisch rein wäre vielleicht: Der Living-Planet-Report 2020 verzeichnete einen Rückgang der Wirbeltiere um rund 70% im Verlauf von weniger als einem halben Jahrhundert mit stark ansteigender Geschwindigkeit. Oder: Fachleute der UNO, das EU-Parlament und der „Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen“ (WBGU) fordern Schutzgebiete von 30% der gesamten Landfläche und eine grundlegende Landwende, was auf dem „One Planet Summit“ von 50 Staaten tatsächlich als Ziel beschlossen wurde, darunter auch Deutschland. Oder: Nicht wenige Fachleute halten das Artensterben für ein noch größeres Problem als den Klimawandel (z.B. Matthias Glaubrecht (2019): Das Ende der Evolution). Oder: Parallel zum Verlust der Wirbeltiere breiten sich der Mensch und seine Nutztiere aus. Menschen (32%) und Nutztiere (65%) vereinen zusammen 97% der Biomasse aller landlebenden Wirbeltiere auf sich.

"Für die Wildtiere die bis in die Steinzeit hinein mit 100% dominierten, verbleibt noch ein kümmerlicher Rest von 3%. Wie leicht sind auch die noch verschwunden." Pause. Dem Publikum stockte der Atem. „Gibt es von Ihnen Fragen?“ „Ja. Wenn der Biotop früher landwirtschaftliche Fläche war – gab es nicht Probleme mit den Landwirten?“ Diese Frage richtete sich an mich. „Das war in der Tat ein sehr dickes Brett und hat auch lange gedauert. Am Anfang stand die Pflege einer Gesprächskultur, wir mussten alle lernen, sachlich klar und ohne Polemik zu sprechen und ebenso zuzuhören. Nur dadurch wurden die jeweiligen Sorgen verständlich. Im Kern waren sie seitens der Landwirte ökonomischer Natur: existenzielle Ängste vor immer neuen Anforderungen.“ „Da hinten ist noch eine Frage.“ Ich gab das Wort an den Fragesteller. „Gibt es noch weitere Biotop-Baustellen?“ „Wir haben noch eine Streuobstwiese. Es handelt sich um einen sandigen Magerstandort und ist deshalb besonders wertvoll für viele Pflanzen und Insekten, die auf offene Sandflächen angewiesen sind. Die Obstbäume wurden in einer Gemeinschaftsaktion gepflanzt.“ Ich berichtete von den kleinen Anfängen mit den Blühflächen am Schluensee damals. Wie klein sie waren und beinahe vertrocknet im Sommer. Und doch machten sie Mut, denn sie zeigten, welche Kraft und Dynamik in der Natur stecken, wenn man ihr Raum gibt. „Wir gründeten eine Wildgarten-AG. Das waren Leute, die ihre Hausgärten so umgestalteten, dass sie Lebensraum für Insekten boten. Zwar waren unsere Imker im Dorf daran beteiligt, doch es ging um mehr als „nur“ Bienen. Und an den Insekten hängt ja so viel mehr: Vögel, Amphibien, Igel, Fledermäuse und viele weitere Tiere. Die Beteiligten wunderten sich, dass sie dadurch weniger Gartenarbeit hatten. Die wichtigste Leistung fand im Kopf und Herzen statt: Einfach mal lassen und auch unaufgeräumte Ecken akzeptieren. Und viel weniger Rasen mähen.“ Dann war da noch die obere Schmarkau-Niederung, die der zuständige Wasser- und Bodenverband Schwentinental rückvernässt hat, indem das Schöpfwerk in den Schmarkwiesen und im Unterlauf abgestellt wurde. Als die Zeit für das Abendessen nahte, fand die Veranstaltung ein Ende. Während sich die summende Menge in Richtung Buffet drängte, sah ich den Reporter der Kieler Nachrichten in der Warteschlange.

So hätte es gewesen sein können.
Es könnte aber auch ganz anders gewesen sein. Stimmen Sie den Argumenten zu? Fehlen welche? Dann schreiben Sie einen Kommentar!
Siehe: Diskussion

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