Postwachstums-Ökonomie

Niko Paech: Befreiung vom Überfluß. 2012

Unter Postwachstums-Ökonomie wird eine Wirtschaftsform verstanden mit folgenden Merkmalen:
  1. ohne Zwang zu wachsen, d.h. dass die Ursachen und Ziele für das beständige Wirtschaftswachstum beseitigt werden
  2. Produktion soll sich an konkreten Bedürfnissen orientieren, es geht um Nutzen – nicht um Umsatzsteigerung
  3. Konsum auf das wirklich Sinnvolle bzw. Nötige begrenzen. Das ist kein Verzicht, sondern ein Gewinn an neuer Freiheit durch das Abwerfen von Wohlstandsballast, entschleunigte Lebensstile und Vermeidung von Reizüberflutung. Das wird Suffizienz genannt.
  4. Werte schaffen in marktfreier Form (also nicht Geld-basiert) durch selber/gemeinsam machen, verbesserte Nutzung (eigene Reparatur, Gemeinschaftsnutzung), Austausch in sozialen Netzen, ehrenamtliche Tätigkeiten usw. Das wird Subsistenz genannt.
  5. Regionalisierung der Wirtschaft durch Entflechtung und Abbau der weltweiten, komplexen Wertschöpfungsketten, regionale Komplementärwährungen, Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaften, Genossenschaften usw. .
  6. Produktion von langlebigen Gütern, die leicht repariert und recycelt werden können. Möglichst wenig Neuproduktion, sondern Erhaltung, Umgestaltung, Umwidmung. Verringerung von Modeerscheinungen und Werbung.
  7. Rückbau und Entsiegelung von Altanlagen. Rückgewinnung von Ressourcen. Kreislaufwirtschaft auf niedrigerem Niveau.
  8. Verteilung der Arbeit
  9. Drastische Regulierung des Finanzsektors und Geldschöpfung nicht mehr durch Geschäftsbanken („Vollgeld“).
  10. Dadurch sind nur noch 50% der bisherigen Produktion nötig, entsprechend einer durchschnittlichen 20-Stunden-Woche. Viel gebundene Infrastruktur und Zeit werden frei.

Fortschritt als Illusion - Wohlstand durch Plünderung – nicht durch Leistung

dreifache Entgrenzung:
  1. räumlich: Zugriff auf Ressourcen anderer Regionen, global (die große Mobilmachung)
  2. zeitlich: Vorgriff auf die Zukunft bzw. folgende Generationen (haben jetzt – zahlen später)
  3. von den eigenen Fähigkeiten: Spezialisierung
Höhere Effizienz (Arbeitsteilung, Marktwirtschaft, Innovation, Produktivitätssteigerung) geht immer einher mit erhöhtem Input von Ressourcen bei zunehmender Raumdurchdringung (neue Märkte). Die Effizienz führt nicht zu gleichen Ergebnissen bei weniger Ressourcenverbrauch (insgesamt gesehen). Z.B. können Skalenerträge nur dann realisiert werden, wenn große Mengen durchgesetzt werden.
Innovationen erfordern den Aufbau neuer und zusätzlicher Kapazitäten, die Ressourcen verbrauchen. Es findet oft eine Verlagerung statt von einem Engpaß zum nächsten.
Weltweite Strukturen erfordern hohe Kosten und Ressourcenverbräuche für die notwendige Infrastruktur.
Höhere Effizienz beschleunigt meist die ökologische Plünderung. Sie kommt nur wenigen Menschen zugute, die anderen zahlen drauf.
Die Arbeitskraft der Menschen ist nicht gestiegen, die Arbeitszeit ist eher gesunken. Statt dessen werden Maschinen eingesetzt, also zusätzliche Ressourcen.
Die Vorstellung von „eigener Leistung“ wird immer illusionärer. S. 46: „Moderne Produktion ähnelt einem Verstärker, der ein minimales menschliches Signal in eine donnenrde Symphonie der Energie- und Materialumwandlung übersetzt.“
„Technischer Fortschritt und globale Lieferketten lösen keine Knappheitsprobleme.“ Sie werden nur zeitlich, räumlich oder materiell verlagert und verstärkt.
Auch Wissen und Bildung sind keine Produktionsfaktoren, die echte Ressourcen ersetzen könnten. Sie führen vielmehr dazu, noch mehr Ressourcen zu verbrauchen – in doppelter Hinsicht: die Arbeitsorganisation wird „optimiert“, d.h. mehr Umsatz, und die Einkommensansprüche steigen.
Hinzu kommt, dass die Bildungswege immer aufwändiger werden inclusive Fernreisen, Auslandsstudium usw., also hohe Mobilität.

Freiheit als Illusion – neue Abhängigkeiten

Ein hoher Fremdversorgungsgrad macht davon abhängig, dass die hochkomplexen Wertschöpfungsketten und Infrastrukturen funktionieren. Bahnstreiks oder Lebensmittelskandale zeigen das sehr deutlich auf.
Die eigenen Möglichkeiten sind gering geworden, sowohl von den strukturellen Voraussetzungen als auch den (verlorenen) Fähigkeiten. 
Neue Abhängigkeiten durch das Geldwesen.
Peak Oil, Peak Everything, Peak Soil: Konsumgesellschaften verlieren ihre materiellen Grundlagen.
Abhängigkeit vom Wirtschaftswachstum (Arbeitsplätze, Verteilungsmechanismus).
Für kapitalistische und sozialistische Systeme gilt gleichermaßen: Soziale und ökologische Probleme werden nicht dadurch geringer, „dass der durch Ressourcenplünderung erzeugte Output einfach nur gerechter verteilt wird“.

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Mythos Entkopplung – die Mär vom „grünen Wachstum“

Die Entkopplung von wirtschaftlichem Wachstum und ökologischen Schädigungen ist nicht möglich, nicht relativ und schon gar nicht absolut. Die bisherigen Strategien Effizienz und Konsistenz sind grandios gescheitert.
Auch die erneuerbaren Energien haben nicht zu einer Reduzierung des Ressourcenverbrauches geführt., sondern zu einer Steigerung, denn die Anlagen müssen ja hergestellt werden – mit fossiler Energie und Rohstoffen. Sie entstehen zusätzlich (additiv) zu den bestehenden Anlagen, reduzieren also nichts. 
Die ganze IT-Welle wird als Effizienz-steigernd angesehen, hat aber zu unglaublichem Mehrverbrauch an Energie, Seltenen Erden, anderen Rohstoffen, großen Müllproblemen und sozialem Elend in den Erzeugerländern geführt. 
Entkopplung heißt oft: der Ressourcenverbrauch findet woanders statt. 
Es gibt zahlreiche Rebound-Effekte, die punktuelle Verbesserungen ins Gegenteil verkehren.
Unbeherrschbare Innovationsrisiken: Innovationen sind naturgemäß neu und unbekannt. Daher können die Folgen nicht vorhergesehen werden. Ggf. müssen sie durch weitere innovative Gegenmaßnahmen kompensiert werden, die ihrerseits … (Beispiele: Atomenergie, Gentechnik, Nanotechnik, Chemie, Fracking, CO2-Speicherung im Boden). 
Zitat S. 77: „Dies führt unweigerlich dazu, dass vorher nicht im entferntesten zu erahnende Nebenwirkungen frühestens mit der Schaffung vollendeter Tatsachen aufgedeckt werden. Aber dann ist es zu spät für Korrekturen: erstens weil die bereits eingetretenen ökologischen und gesundheitlichen Schäden nicht wieder rückgängig zu machen sind, zweitens weil sich auf dieser Basis längst Verwertungsinteressen hearusgebildet haben, die sich bestens zu verteidigen wissen“.
S. 79: „Die Tragik innovativer Entkopplungsmaßnahmen besteht nicht zuletzt darin, dass ihr ohnehin nur theoretisches Problemlösungspotenzial auf genau jener Fortschrittslogik gründet, welche die zu lösenden Probleme überhaupt erst verursacht hat.“
Verlagerung ökologischer Probleme: zeitlich, räumlich, materiell, medial, technisch. D.h. es tauchen neue oder zusätzliche Probleme auf anderen Gebieten auf, die aber nicht der Innovation zugerechnet werden.

Finanzielle Rebound-Effekte:
Wenn Produkte durch Effizienzsteigerung billiger werden, erhöht sich oft die Nachfrage, so daß im Endeffekt der Gesamtverbrauch sogar gestiegen ist.
Wenn Produkte billiger werden oder Arbeitsplätze durch neue Fabriken entstehen, wird die erhöhte Kaufkraft für anderweitigen Konsum genutzt.
Psychologische Rebound-Effekte:
Eine kleine Verbesserung an einer Stelle rechtfertigt den Fortbestand des ansonsten öko-schädlichen Verhaltens (individuell und politisch). 
Es gibt keine nachhaltigen Produkte, sondern bestenfalls nachhaltige Lebensstile.

Genug ist nie genug – Wachstumszwänge

Es gibt strukturelle Wachstumszwänge.
Dazu gehören die hochgradige globale Arbeitsteilung mit sehr komplexen Wertschöpfungsketten, Zinsen, Geldschöpfung der Geschäftsbanken und gesteigerte Arbeitsproduktivität.
Außerdem führt unsere Konsumkultur zu einer Wachstumsdynamik. 

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