15. Oktober 2001

Der Fluß

Über den Zusammenhang von Ursache und Wirkung

Konkrete Betrachtung

"Wer zur Quelle will, muß gegen den Strom schwimmen."
Diese bekannte und dennoch überraschende Sentenz ist richtig, wenn man ihre Intention zugrunde legt.
Bei genauerer und tieferer Betrachtung ist sie jedoch nicht völlig fehlerfrei, denn sie unterstellt, daß ein Strom genau eine Quelle hat, die sich auch finden läßt, wenn man sich der Strömung entgegen bewegt.
Wer das in der Realität ausprobiert, wird sehr bald erfahren, daß er sich häufig entscheiden muß, daß er eine Wahl treffen muß zwischen Alternativen, von denen er jeweils nur eine weiterverfolgen kann. Es sind die Zusammenflüsse, die, wenn man die Richtung umkehrt, zu Weggabelungen werden. Man kann nur einem Abzweig folgen. Den anderen verliert man aus den Augen - zumindest vorläufig.
Mehrere Alternativen, ein Plural - das ist schon komplizierter. Es würde somit heißen: "Wer zu den Quellen will, muß gegen den Strom schwimmen." Wieso sprechen wir eigentlich von "der" Quelle und lokalisieren sie sogar noch in einer Karte (und machen sie damit individuell und dingfest)?
Das hat viel mit Konvention zu tun - und mit Pragmatismus: ein wichtiges Kriterium bei der Entscheidung, welcher der Alternativen, sprich Flußarmen zu folgen sei, wählen wir (und die Entdecker) meist den "größeren". Jedenfalls soweit sich das nach Augenschein beurteilen läßt, sei es nun der breitere Nebenfluß oder derjenige, der mehr Wasser führt. (Dieses Urteil erfolgt übrigens zu einem vielleicht zufälligen Zeitpunkt. Gut möglich, daß zu einer anderen Jahreszeit der jeweils andere Nebenfluß der "größere" wäre...)
Auf diese Weise kommen wir schließlich im Idealfall an eine Stelle, wo aus Felsspalten oder einfach direkt aus der Erde das klare Wasser sprudelt umsäumt von blühenden Kräutern und schwirrenden Libellen, der tiefblaue Himmel schon zum Greifen nahe. Wir sind entzückt über die Idylle und Naturromantik, die die glitzernde, hell rauschende Quelle mit einem Zauber umgeben und uns ein Stück weit aus der profanen Welt herausheben. Lieder und Gedichte fallen uns ein und schöne Vokabeln, mit denen wir unser Erlebnis beschreiben. "Ich hört' ein Bächlein rauschen..."
Vielleicht fällt uns auch der eingangs zitierte Satz ein. Wir fühlen uns etwas erhaben, denn schließlich sind wir ja gegen den Strom gegangen und haben die Quelle entdeckt, wir sind zu den Wurzeln der Dinge vorgedrungen, wir haben ein Stück der Welt, der Wahrheit womöglich gar erkannt: endlich wissen wir, woher jener große Fluß kommt, welches seine Gründe sind. Wir haben den Zusammenhang zwischen Quelle und Mündung erfahren! 
In einem höheren, philosophischen Sinne könnte man sagen: wir haben den Zusammenhang zwischen der Ursache und ihrer Wirkung gesehen.
Wir tauchen die Hände ins Wasser, ziehen die Schuhe aus und lassen das frische, kalte Wasser durch unsere Zehen perlen. Es reicht uns knapp über die Knöchel. Ein Kinderschritt reicht, unseren Strom zu überspringen.
Das ist also unser Strom?
Das wären seine Ursachen?
Ich erinnere ihn doch als träge, trüb und tief. Große Schiffe fahren auf ihm und zerwühlen mit ihren Schrauben einige Ölflecke. Das Ufer ist von Betonplatten eingefaßt, ein toter Fisch treibt mit dem Bauch nach oben. Einige Angler stehen feierabends an der Mole, und ich frage mich, ob die wohl die Fische essen werden, sofern sich dort überhaupt welche fangen lassen.
Welche Lieder fallen mir dazu ein? Welche Bilder ziehen an meinem inneren Auge vorbei? Findet sich ein Reim, der mein Gefühl angemessen ausdrücken könnte?
Keine Idylle, keine Romantik. Wenn ich die Füße ins Wasser strecken sollte, dann höchstens mit Gummistiefeln. Der schlammige Boden ist nicht zu sehen. Das andere Ufer kenne ich nicht so genau. Es gibt eine Brücke wenige Kilometer entfernt, man kommt selten hinüber, und dann mit dem Auto. Eine gigantische Wassermenge stürzt über das Wehr, das sich über die Breite des Flusses zieht. 
Hier, an der Quelle, kann ich das Wasser mit einigen hohlen Händen schöpfen, so scheint mir. Was ich hier mit Lust trinke, würde mir dort Widerwillen bereiten.
Nein, das kann nicht mein Fluß sein!

Noch einmal: Verstehe ich jetzt wirklich den Zusammenhang zwischen Anfang und Ende? Habe ich durch meine Wanderung eine hinreichende Erkenntnis von der Welt und ihrem Ursprung gewonnen?
Ich werfe einige Stöckchen ins Wasser und schaue ihnen nach, wie sie um Steine und Windungen herum forttreiben. Sie enteilen mir, aber ich folge ihnen mit meinen Gedanken, ja, ich eile ihnen voraus, überhole sie. Schon längst sehe ich sie die Stadt erreichen, meine Stadt! Und bis auf Meer hinaus. 
Doch! Der Zusammenhang ist sonnenklar. Wenn sie nicht wer aus dem Wasser fischt, werden meine Stöckchen an der Stadt vorbei bis ins Meer schwimmen, ohne Frage. Das kann gar nicht anders sein, es ist so zwingend deutlich, so befriedigend einfach, so genugtuend evident! Man darf eben nicht so romantisch sein, sollte etwas rationaler an die Sache gehen.

Ich werde sachlicher, rationaler, und kalkuliere:
Hier fließt Wasser, das in einer Sekunde etwa einen halben Eimer füllen würde, also etwa fünf Liter. Jenseits meiner Stadt, wo der Fluß groß und breit ist, wäre ein Eimer lächerlich, ein völlig untaugliches Instrument. Da muß man sich schon komplizierte Meßverfahren einfallen lassen. Die Fachleute sagen, der Fluß führe eine Wassermenge von rd. 660 Kubikmetern pro Sekunde - durchschnittlich, es können auch bis zu 80 m mehr oder weniger sein. 
Ich kalkuliere:
Wenn ich mit einigen Freunden, jeder mit zwei Eimern ausgerüstet, das Wasser der Quelle ausschöpfe, dann würden jenseits der Stadt in jeder einzelnen Sekunde fünf Liter fehlen...!
Das ist ein Nichts, nicht nur im Verhältnis zur Gesamtmenge, sondern auch zur natürlichen Schwankung. Es würde nicht einmal bemerkt werden.
Wie? Wenn ich den Ursprung unterbinde, hat das keine Auswirkung auf die Wirkung?? Ist die Quelle etwa nicht der Ursprung?
Nein, das hier kann nicht mein Fluß sein.

Aber wo steckt der Fehler?
Ich habe doch bei meiner Wanderung den Flußlauf nie verlassen, bin immer an seinem Ufer geblieben! Auch mein Stöckchen ist immer im gleichen Wasser geschwommen, wurde nie herausgenommen.
Zweifel kommen auf. Warum bin ich, bist du überhaupt zur Quelle geschwommen? Was willst du dort? Welche Beziehung haben denn Quelle und Mündung?

Theoretische Betrachtung

Die obige konkrete Schilderung mündet in einem Scheinproblem, welches ja so leicht zu durchschauen ist: Selbstverständlich speist sich der Fluß aus vielen Nebenflüssen, die sich ihrerseits weiter verzweigen. Die Wassermenge des Flusses ist eine Summe der Einzelbeträge, die jeder Zulauf bringt. Auf einen einzelnen kommt es dann kaum mehr an. 
Es ist lächerlich, die Wassermenge einer x-beliebigen Quelle in so einen exklusiven, existentiellen Zusammenhang stellen zu wollen, wie es in dieser Darstellung geschieht. Es ist darüber hinaus geradezu vermessen, auf einer solch simplen Betrachtung eine Erkenntnistheorie gründen zu wollen.
Wirklich?
Im konkreten Falle eines Flusses mit Nebenflüssen sind die "Neben-Einflüsse" so offensichtlich und augenfällig, daß man schnell zu solch einem vernichtenden Urteil kommt. Wie ist es aber bei weniger augenfälligen Dingen? 
Auf allen Ebenen unseres heutigen Lebens - im Alltag des einzelnen Menschen genauso wie in der Gesellschaftspolitik oder bei globalen Problemen - wird nach Gründen und Ursachen gefragt. Und da ist oft genug festzustellen, daß genau nach der Logik des Flusses mit seiner Quelle (im Singular oder quasi-Singular) und seiner Mündung vorgegangen wird. Neben-Einflüsse werden nicht beachtet oder vielleicht nur erwähnt, um sogleich sich der vermeintlichen "Haupt-Ursache" zuzuwenden, also der, die etwas "größer" erscheint. Die Analogie zur Entdeckung des Flusses ist frappierend.

Es gibt keine Kausalketten in einem linearen Sinne. Es gibt nicht nur eine Ursache, sondern stets mehrere (vielleicht weniger auffällige oder beachtete).
Jede Ursache hat ihrerseits mehrere Ursachen. Bereits nach wenigen Verzweigungen ist eine unüberschaubare Komplexität entstanden. Kausale Argumente können bei größerer zeitlicher, räumlicher oder thematischer Entfernung sehr schnell unbrauchbar werden.